Erfolgreich
ohne deutschen Pass
Frankfurter
Rundschau vom 14.02.2007;
von Antje Heilmann
Frauen mit ausländischen Wurzeln machen sich in der
Region häufiger selbstständig
Unter der wachsenden Zahl der Existenzgründer in
Hessen sind immer mehr Frauen mit ausländischen Wurzeln.
Sie sind risikofreudig und zusätzlich qualifiziert,
weil sie sich in zwei Kulturen bewegen - so die Erfahrung
des Frankfurter Vereins Frauenbetriebe.
Frankfurt a.M. - "Für Frauen ändert sich
in der Schwangerschaft so vieles, wieso sollten sie da
auch noch ihren persönlichen Stil wechseln?",
sagt Päivi Budarham. Die Frage hat das Berufsleben
der Finnin völlig verändert. Statt nach ihrer
Babypause in ihren Job als Pressesprecherin eines Touristikunternehmens
zurückzukehren, gründete sie ihr eigenes Geschäft
für hippe Umstandsmode.
Wie sie wagten im vergangenen Jahr 19 000 Frauen mit Migrationshintergrund
in Deutschland den Schritt in die Selbständigkeit,
das hat das Statistische Bundesamt ermittelt. Beratungszentren
wie der Frankfurter Verein Frauenbetriebe gehen sogar
von höheren Zahlen aus, denn die Statistiken differenzierten
zwar nach Geschlecht und Staatsangehörigkeit, nirgends
seien aber Eingebürgerte und Nachkommen zweiter und
dritter Generation erfasst.
"Frischer Blick" auf Deutschland
Geschäftsideen ergeben sich, weil Einwanderer wie
Päivi Budarham einen "frischen Blick" auf
Deutschland haben. Zu diesem Ergebnis kommt ein Forschungsprojekt
der FH Köln. Das Team um Swetlana Franken stellte
bei ausländischen Existenzgründern Vorteile
gegenüber ihren deutschen Mitbürgern fest: Sie
kennen die Besonderheiten von zwei Kulturen, sind bei
der Firmengründung risikofreudiger, haben oft zusätzliche
Qualifikationen und Berufserfahrung und bringen aufgrund
ihrer kulturellen Prägung neue Perspektiven und Strategien
mit.
"Migrantinnen entwickeln aufgrund ihrer Erfahrungen
und Anpassungsprozesse im fremden Umfeld interkulturelle
Kompetenz und Zielstrebigkeit", bestätigt Isinay
Kemmler, Projektleiterin der Vereins Frauenbetriebe. So
verzweifelte die Finnin Budarham während ihrer Schwangerschaft
fast an der deutschen Umstandsmode, die ihr unförmig
und überhaupt nicht trendig erschien. Erst in Helsinki
fand sie endlich etwas Passendes. "Viele dieser Marken
biete ich jetzt selber an", sagt die 34-Jährige,
die als Aupair nach Deutschland kam und der Liebe wegen
blieb.
Ihr kleiner Laden liegt mitten im Frankfurter Stadtteil
Sachsenhausen und trägt den Kosenamen ihres 18 Monate
alten Sohnes: Noa Boa. Große Fenster und helle Tapete
laden dazu ein, sich wohlzufühlen. Gegenüber
ist ein Spielplatz, der dem kleinen Modestübchen
Laufkundschaft beschert. "Dort habe ich häufig
mit meinem Sohn gesessen", erinnert sich Budarham,
"und habe gegrübelt, ob ich den Laden eröffnen
soll." Beim Verein Frauenhilfe ließ sie sich
im Rahmen des Programms PiA beraten, beantragte mit dessen
Hilfe Gründungsgeld. PiA, das steht für "Passgenau
in Arbeit", und die Initiative soll Frauen mit ausländischen
Wurzeln in die Selbständigkeit begleiten. Migrantinnen
benötigen auf dem Weg in den Arbeitsmarkt eine individuellere
Förderung als ihre deutschen Konkurrentinnen - diese
Erfahrung hat der Verein gemacht. Nur in Sachen Finanzierung
gibt es kaum Unterschiede. Sie sind ebenso auf Bankkredite
und Subventionen angewiesen.
Mit der Hilfe ihres Mannes, der als Finanzberater tätig
ist, legte Päivi Budarham vor vier Monaten los -
mit Erfolg. Ihr Angebot hat sie erweitert. Inzwischen
verkauft sie nicht nur ebenso stylische wie zweckmäßige
Klamotten für Schwangere, sondern auch für Kleinkinder.
Zwei Aushilfen hat sie eingestellt, damit sie neben der
Arbeit genug Zeit für ihren Sohn hat.
In ein paar Monaten will Päivi Budarham eine Vollzeitstelle
schaffen. Damit liegt sie im Trend. Laut DtA-Gründungsmonitor
2002 beschäftigten Migrantinnen im ersten Jahr durchschnittlich
fünf Leute - bei den Deutschen sind es im Schnitt
nur zwei.
"Ich bereue es nicht, mich selbständig gemacht
zu haben", sagt die Finnin. "Alles läuft
gut." |
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